Fussballabend à la Africana

Abidjan-Koumassi, den 26. Juni 2008 

Gestern, Halbfinale, Deutschland spielt. Das darf ich mir natuerlich nicht entgehen lassen - auch wenn zurzeit in Afrika weile. Jedoch ist es einfach gesagt, als getan.

Denn weder im Kinderheim noch im Haus der Salesianer haben wir den franzoesischen Bezahlsender "canal", der sich fuer die Côte d'Ivoire die Rechte gesichert hatte. Bisher aber kein Problem, ich besuchte immer einen Freund, der sich unerlaubt an irgendeine Uebertragungsschuessel gehaengt hat und ohne Kosten das Programm von "canal" geniesst - inklusive laufender Europameisterschaft.

Nun war ich gestern Abend auch wieder bei ihm. Alles schien bestens zu laufen. Aber er erzaehlte mir, dass es am Morgen noch duester auf dem Fernsehbildschirm ausgesehen habe. Der Besitzer der gekaperten Schuessel hatte wohl ein bisschen an seinem Eigentum geschraubt. Seitdem gab es Probleme mit der Uebertragung. "Heute Morgen war der Sender verschwunden", sagte mein Freund zu mir, um mich gleichzeitig zu beruhigen, "Aber seit einer Stunde laeuft es einwandfrei. Ich glaube, das passiert nicht noch einmal."

Zehn Minuten waren vergangen, dass er dies gesagt hatte und schwupps - der Fernseher wechselte um zum Programm der schwarzen Ameisen auf weissem Grund. Das heisst: Der an diesem Abend zu wichtige Sender "canal" war verschwunden. Und kam nicht mehr wieder. Nicht nach zehn Minuten, nicht nach zwanzig Minuten und auch nicht fuenf Minuetchen vor Spielbeginn.

Panik!

Was machen? Mein Freund rief einen alten Schulkollegen an. "Bis du zu Hause?" Die Antwort: "Nein, ich arbeite noch." Ah, noch mehr Panik! "Ist es dringend?", so die Nachfrage des Freundes meines Freundes. Zum Glueck hat er diese Frage gestellt, so konnte mein Fussballgenosse seinem Bekannten das Problem erklaeren und dieser sagt uns zu, dass wir gerne vorbeikommen koennten. Seine Frau waere daheim.

Puh, Glueck gehabt!

Nun schnell ein Taxi. Aber was ist das? Alle Taxen voll besetzt. Rushhour, es ist 18 Uhr (Bevor dumme Frage aufkommen, bedenkt die Zeitverschiebung!), jedermann moechte nach Hause. Also schauten wir vollbesetzten Taxen nach, warteten, warteten, warteten, bis endlich, nach etwa zehn Minuten ein leeres Gefaehrt vor unsrer Nase anhielt.

Der Taxifahrer selber hoerte auch das Fussballspiel, das natuerlich schon laengst begonnen hatte. "Tuerkei im Vorwaertsgang", so die beiden plappernen Franzosen am Mikrofon, "Oh, la, la, knapp am deutschen Tor vorbei." Gemeinsames Durchatmen im Taxi.

Leider hielt das Durchatmen nicht lange an. Ich hatte gesagt Ruschhour. Was gehoert dazu? Stau, zaehfliessender Verkehr. Vor allem an den Kreuzungen versuchten Hilfspolizisten die von allen Seiten draengenden Autos aufzuhalten. Es dauerte wieder mal, wir kamen kaum unserem Ziel naeher und im Radio musste ich mitanhoeren, wie die Tuerkei das Spiel in die Hand nahm.

Da daemmerte mir ein Gedanken: Ein Spiel unserer Jungs hatte ich wegen der Malaria-Krankheit bei der EURO nicht gesehen. Die Begegnung gegen Kroatien und was kam dabei heraus. Unsere Elf hatte verloren. Sollte ich heute verhindert sein, das Halbfinale zu schauen, so brummte es in meinem Kopf, wuerde Deutschland dann verlieren? Nein, das wollte ich nicht, ich musste zum Fernseher.

Nach einer Viertel Stunde fuer ein, zwei Kilometer, waren wir endlich da. Wir traten in das Haus ein, gruessten nett und bewegten uns zum Fernseher. Wir schalteten an und: "Toooor, Tor fuer die Tuerkei. Das anatolische Wunder geht weiter", die franzoesischen Kommentatoren begeisterten sich gerade, dass ihr grosser Nachbar im Inbegriff war, zu verlieren. Na, toller Anfang. Aber nun bin ich ja da, so kann unsere Elf nur gewinnen.

Der Spielverlauf ist bekannt, leider konnte ich das wichtige Ende samt den beiden letzten Toren nicht mehr mitverfolgen. Mal wieder Uebertragungsprobleme in den letzten Minuten. Doch diesmal nicht wegen der haeuslichen Schuessel. Nun war es der hoch geschaetzte Sender "canal" selbst, der uns auf blauen Grund in grosse Lettern praesentierte: "Entschuldigen Sie diese kleine Bildstoerung. Gleich geht es weiter mit dem Spiel Deutschland - Tuerkei."

Das stimmte nicht ganz. Ich sah nur noch die deutsche Freude und Ausgelassenheit auf der Tribuene - einige Minuten nach dem Abpfiff.

Ansonsten war es ein schoener Fussballabend.

26.6.08 16:23

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Werbung