Das ivorische Denken: Wundermedizin laesst Gewehrkugeln abprallen

 Abidjan-Koumassi, 10. Mai 2008 

Man stelle sich vor, jemand wuerde erschossen werden und demjenigen wuerde es ueberhaupt nichts ausmachen. Im Gegenteil: Die Kugel wuerde abprallen und er wuerde weiter auf dich zuschreiten.

Nein, ich bin nicht verrueckt geworden, ich habe nicht zuviele Arnold-Schwarzenegger-Filme gesehen. Doch angeblich solle sich dieser Vorfall mehrmals waehrend der politischen Krise abgespielt haben. Und die Leute, die mir das erzaehlt haben, sind Animateure, Freunde, unsere Kinder und selbst ein salesianischer Bruder. Und die kennen sich auch nicht alle untereinander, aber erzaehlen alle das Gleiche. Denn fuer sie alle, wirklich alle Ivorer im Land - Zeitungen und das Fernsehen eingeschlossen - ist klar: Mystische Kreise beherrschen unser Land.

Waehrend naemlich die Rebellen noch vor ein paar Jahren gegen das ivorische Militaer und die Franzosen gekaempft haben, sollen diese Rebellen Medikamente eingenommen haben, dass es unmoeglich fuer sie war, dass eine Kugel in ihren Koerper eindringen koennte. Als mir das erzaehlt wurde, habe ich erst gedacht, man will mir Luegengeschichten auftischen. Aber nein, die glauben das wirklich! Die Kinder in unserem Heim und Thomas, ein Animateur, koennen gar nicht verstehen, dass ich an sowas nicht glaube. "Markus, ja das gibt es!" Eine Frage: Wieso haben dann die Rebellen verloren, wenn sie denn solchen einen Art Zaubertrank in Tablettenform besessen haben?

Selbst in den Zeitungen steht, dass der ivorische Regierungschef Guillaume Soro zur Hochzeit der Krise in seinem Flugzeug nicht erschossen werden konnte, weil er in der brenzligen Lage ein Medikament nahm und sich aus dem Flugzeug in den Norden des Landes transformierte. Abgehauen per Beamen also, wie in Raumschiff Enterprise. Also ehrlich, wenn ich so etwas in einer halbserioesen - serioese Zeitugnen gibt es hier nicht - lese, da denke ich mir manchmal, wer denn nun verrueckt sei. Ich oder die?

Selbst der salesianische Bruder Wilfried meinte, dass man in seiner Heimat Benin ein bestimmtes Blatt einer Pflanze auf die Strasse legen kann und es von der einen auf die anderen Minute anfaengt, zu regnen. Na ja, dieses Geschichtchen ist vielleicht noch halbwegs glaubwuerdig.

Ich versuche, vor allem unsere Kinder zu beschwichtigen, dass diese ganzen Mystikgeschichten reinster Spuk sind. Die triomphale Anekdote mit dem weggebeamten Ministerpraesidenten kann ich mir nur durch die politiknahen Presse erklaeren. Sie nutzen das naive  Denken der breiten Masse aus, um durch diese unglaubwuerdige Geschichten ihren Regierungschef zu glorifizieren. Doch wenn ich so etwas unseren Kindern erklaeren, stosse ich nur auf taube Ohren. "Nein, Markus, glaub doch, es gibt selbst Afrikaner die mit einem Besen nach Europa geflogen sind, um ohne Visum einzureisen." Gut, als ich das dann hoerte, musste ich erst einmal laut lachen. Ich antwortete, dass es so ein Maedchen auch in Deutschland gaebe. Sie heisse Bibi Blocksberg.

Die Menschen denken hier einfach nicht so nuechtern, wie wir in Europa. Sie glauben, auch wenn sie jeden Sonntag zur Kirche gehen, noch immer an etwas Uebernatuerliches, an Medikamente, die Schusskugeln abprallen lassen, an Leute, die sich in Tiere verwandeln, an Fluessigkeiten die machen, dass du nie reich wirst oder, im Gegenteil, ploetzlich reich wirst.

Eins weiss ich wohl, was hier stimmt: Es gibt wirklich Leute, die leben aber eher im Dorf, die gerne Menschen essen. Selbst die Freunde, die mit diesen Kannibalen zusammenleben, wissen wirklich nicht, dass ihre Kumpel diese inhumane Neigung in Richtung Lust auf Menschenfleisch besitzen. Doch es soll nur noch wenige geben, die Globalisierung, die Zivilisation hat sie bekehrt.

Schon manchmal komisch hier. Aber unheimlich interessant. Zwei Monate bleiben. Wieso verfliegt die Zeit denn nur so? Ob ein mysterioeses Medikament sie anhalten kann?

Gruss aus Abidjan,

Venco

9.5.08 16:06

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