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Ein hoffnungsvoller Friede, ein romantischer Abend und eine verpfuschte Kindheit

Koumassi, 12. Oktober 2007 

 Die Côte d’Ivoire und Deutschland sind gar nicht so grundverschieden. Nicht nur dass beide Länder flächenmäßig gleich groß sind. Nein, beide Staaten waren auch über Jahre in zwei Zonen geteilt. Deutschland in Ost und West, die Elfenbeinküste in einen rebellenkontrollierten Norden und in dem vom Staat geführten Süden. Doch nun leben die Menschen hier wie auch in Deutschland in wiedervereinigten und halbwegs friedlichen Staaten.

Jedenfalls hoffen die Ivorer, dass der Krieg nicht zurückkommen wird. Seit Anfang 2007 hat der nun über alles verehrte Präsident Laurent Gbagbo mit den Rebellen einen Friedenspakt ausgehandelt. Ein Rebellenmitglied ist als Gegenleistung nun sogar der Ministerpräsident, also der zweite Mann im Staat. Aber das Vertrauen in den erst kurz währenden Frieden ist groß. Jeder hat hier wirklich die Schnauze voll von dem langen Konflikt, der seit dem Tod des Staatsgründers Houphouët-Boigny Ende der Achtziger Jahre in diesem sonst so friedlichen Land herumgeisterte. Nun zeigt das Fernsehen fast jede Woche ein Festival, das den Frieden feiert und mehrmals am Tag werden die Bilder der ersten Friedensveranstaltung gezeigt, als die Waffen demonstrativ in einem Stadion unter dem lauten Geschrei der Anwesenden verbrannt wurden. Auch die Kinder lieben es, das Friedenlied laut durch die Gegend zu schreien.

Also geht es hier langsam aufwärts. Überall wird gebaut, der Staat plant eine dritte große Brücke über die Lagune hinweg. Aber UN-Truppen und Militärkontrollen gibt es hier noch Zuhauf. Erst vor einer Woche bin ich mit Martial in eine Kontrolle gekommen. Leider hatte ich meinen Reisepass nicht dabei, weil der einfach zu groß ist, um ihn ständig bei mir zu führen. Die mit einem Gewehr bewaffneten Soldaten hatten mich schon unter Druck gesetzt, als mir einfiel, dass ich ja noch meine Medaille der Salesianer um den Hals hängen habe. Letztendlich hat den Militärs diese silberne  Münze gereicht, um mich weitergehen zu lassen. Aber die ivorischen Soldaten halten gerne die Weißen auf, um sie zu kontrollieren. Oft muss "der Weiße" auch mit vorgezeigtem Pass ein bisschen Schmiergeld zahlen. Das ist eigentlich nun auch der einzige Anlass dieser Kontrollen. Die Soldaten wollen sich nebenher ein wenig  dazuverdienen. Aber als sie erkannten, dass ich zu den Salesianern gehöre, ließen sie mich laufen. Die Salesianer sind kein gewinngierendes Unternehmen, sondern eine für die Elfenbeinküste wichtige und wohltätige Einrichtung. Das wissen sogar die Militärs – Gott sei Dank für mich.

Neben Martial haben ich nun noch einen weiteren Freund hier in Koumassi-Remblais gefunden: Sylvain. Er ist der Verwandte eines Ivorer aus Oelde. Es ist gut, ein paar farbige Freunde neben den Kindern zu haben. Erst noch gestern habe ich mit den Salesianern aus sicherer Entfernung, am Fenster des Provinzhauses, einen Raubüberfall verfolgt. Der Dieb wurde laut von einer ganzen Menschenmasse die Straßen entlang verfolgt. Ob sie ihn wohl noch einholen konnten?

Als Weißer ist es dann noch einmal gefährlicher. Denn als Weißer hier durch die schlammigen Gassen ( ja, in den letzten Tage hat es hier wie wild geregnet) und großen Märkten herumzulaufen, ist wie mit einem dicken gläsernen Geldkoffer durch die Innenstadt von Köln zu laufen. Man wir einfach abgestempelt, als reich, stinkreich. Hm, bin ich das denn?

Doch das Stehlen ist für manche Bewohner Abidjans überlebenswichtig. Besonders für diejenigen, die auf der Straße wohnen. Wie zum Beispiel die Straßenkinder, wie auch Julien noch letztes Jahr eines gewesen war. Gestern Abend hat er mir ein wenig  von seiner erst kurzen, aber leider ebenfalls traurigen Lebensgeschichte anvertraut. Seine Mutter ist schon früh gestorben und seinen Vater hat er nie kennengelernt. Aufgewachsen ist er dann nach dem Tod seiner Mutter bei seiner Tante. Aber irgendwie hat er sich nie so richtig wohl gefühlt bei ihr. Deswegen ist er dann auch schon im Alter von nur neun Jahren von seinem neuen Zuhause ausgebrochen. In den nächsten fünf Jahren hat er sich mit anderen Kinder auf der Straße durchgeschlagen – er hat Essen von den Märkten geklaut, Geldbörsen aus den Taschen der Erwachsenen gezogen und auch schon ein paar Drogen konsumiert.

Vor einem Jahr sprach ihn dann ein Salesianer auf dem großen Markt in Abidjan-Treichville an. Für Julien war es das große Glück. Denn nun hat er hier im Kinderheim wieder ein halbwegs heimeliges Zuhause und bekommt jeden Tag etwas zu essen. Nun geht er  wieder zur Schule und vielleicht wird er nach seinem Abschluss einer normalen Arbeit nachgehen und ein geregeltes Leben haben. Die Salesianer haben ihm noch einmal eine zweite Chance gegeben.

Da es in den letzten Tagen teilweise starke Regenfälle gab, hatten wir in unserem Viertel abends keinen Strom mehr. Vergangenen Samstag hieß das für mich, dass ich im Dunkeln duschen musste – Gott sei Dank, funktioniert die Dusche nun einigermaßen einwandfrei – und um acht Uhr gab es dann ein romantisches Dinner mit den Salesianern bei Kerzenschein. Der Strom blieb dann fast 15 Stunden weg. Erst am nächsten Morgen weckte mich meine Zimmerlampe, als sie urplötzlich im Einklang mit dem Ventilator anging. Ich bin schon gespannt, wann uns der nächste Stromausfall erwartet…

Heute ist das Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan und nun bin ich froh, dass das nächtliche Geschrei von den Minaretten der zwei Moscheen in Reichweite meines Zimmers aufhört. Ich habe mich zwar schon gewöhnt, dass nachts um vier als auch um fünf Uhr der Gesang losgeht. Aber trotzdem schläft es sich besser ohne.

P. S.: Ach Stevie, mit dem du auf Französisch geschrieben hattest, das war nicht ich, sondern der Frère Wilfried. Der kann leider nur Französisch. ;-)

Eine passend lange Hose, eine zu kurze lange Hose und schließlich eine passend kurze Hose

Koumassi, 22. Oktober 2007 

Dem Pater war es wohl anscheinend ein bisschen peinlich, als er mir die traurige Nachricht meiner schönen Hose verkündete. Schon seit Tagen hatte ich nach ihr gesucht. Ich hatte die Hose auf den Haufen der dreckigen Hemden und Hosen im Waschraum der Salesianer gelegt und danach schon seit Tagen nicht wieder gesehen.

 

Nun hatte Pater Jesus sie wieder gefunden. Leider in veränderter Form. Es wäre ein Malheur passiert, teilte er mir zähneknirschend mit. Sie haben gedacht, es wäre die Hose eines Patres gewesen, der seine Hose ein wenig kürzen lassen wollte. Leider kam stattdessen meine Hose unters Messer. Und als ich sie anprobierte, bemerkte ich gleich, dass mir die ehemals perfekt passende Hose nicht einmal bis zu den Knöcheln ging. Hm, aber ich habe das alles lachend gesehen. Kurzerhand habe ich Pater Jesus gesagt, die Hose sollen dann nun zu einer kniekurzen Hose abgeschnitten werden. Somit habe ich nun eine kurze Hose mehr, aber leider auch eine lange Hose weniger. Aber ich werde in den kommenden Tagen eine neue kaufen und inständig hoffen, dass diese verschont bleibt. Zum Glück kosten die guten Jeanshosen hier nur umgerechnet zehn Euro.

 

Im Stadtzentrum, in Le Plateau, gibt es einen guten Jeansladen. Martial hat mir das Geschäft und das Stadtviertel am Donnerstag gezeigt. Le Plateau ist das große Geschäftsviertel von Abidjan, wo sich die Hochhäuser der Banken und Versicherungen dem Himmel entgegenstrecken. Die stattlichen Bauwerke sind schon interessant anzuschauen, auch wenn manche nach der 20-jaehrigen Staatskrise leicht verfallen sind. Manche Gebäude stehen deshalb leer, aber schon werde in der derzeitigen Aufbruchstimmung neue gebaut. Vom Dachbalkon des Kinderheimes hier im 12 Kilometer entfernten Koumassi kann ich nachts immer schön die leuchtenden Werbeflächen von Le Plateau sehen. Für einen Moment könnte man denken, man schaue auf Manhattan.

 

Als ich mit Martial zurück nach Koumassi gefahren bin, wurden wir Zeuge eines Naturschauspiels. Jeden Abend, wenn sich die Sonne dem Horizont neigt, fliegen abertausende Vögel über die Lagune und der Skyline von Le Plateau in Richtung Atlantischen Ozean. Der roteingefärbte Himmel war dementsprechend angefüllt von unzähligen schwarzen Punkten, die sich schwebend über uns zum großen Meer bewegten.

 

Für die Leute, die neben mir im Taxi saßen (hier benutze ich mit Martial oft die geteilten Taxen, weil die günstiger sind), war der riesige Schwarm der Vögel das alltägliche Bild ihres Feierabends. Sie schliefen lieber.

 

Ich selber habe irgendwie nie Feierabend. Da ich mir den Kindern in ihrem Heim wohne, bin ich auch beinahe rund um die Uhr für sie da. Gut, nachts schlafen wir alle. Aber manchmal beginnt für mich die Nacht erst um Mitternacht. Dann, wenn endlich die Hausaufgaben der Schüler fertig sind. Ich helfe ihnen bei Mathematik, Franze, Englisch und Co. Und selbst in Franze kann ich ihnen komischerweise helfen. Bei der Grammatik und so…

Nur soll mal einer das ivorische Schulsystem verstehen. Die Schule beginnt um acht Uhr morgens und ist mit einer kleinen Mittagspause eingebaut erst um 18 Uhr abends beendet. Danach folgen noch viele, viele Hausaufgaben. Und da die Schulkinder noch sich duschen, zu Abend essen und beten müssen, ist für die Hausaufgaben erst ab neun oder zehn Uhr Zeit. Aber der Mittwoch dagegen ist wiederum ein schulfreier Tag hier. Wieso? Da könnten die Kinder doch lieber mittwochs zur Schule gehen und dafür wäre der Unterricht schon mittags beendet. Aber nein, dass ist hier so. Keiner weiß, warum der Mittwoch kein Unterrichtstag ist. Und deswegen pauke ich mit den zehn Schülern  bis beinahe Mitternacht für die Schule.

Die anderen Kinder besuchen morgens hier die Alphabetisierung. Im Niveau III helfe ich nun ein bisschen aus. Da wird dann leichte Mathematik, Franze und Geografie durchgenommen. Nach dem Mittagessen folgt dann hier die Siesta bis 15 Uhr, in der beinahe alle Kinder, die nicht in der Schule sind, schlafen. Und nachmittags geht es ab ins Jugendzentrum, um mit den Kindern Fußball zu spielen oder vieles Anderes. So sind die Tage hier. Sonntags natürlich etwas anders. Denn der wird natürlich mit einer Messe eröffnet, die auch schon mal über drei Stunden dauert. Anstrengend, aber ich sehe es als Hör-Verstehens-Übung für Französisch


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