Ein wenig Urlaub, Neues sehen...

 Koumassi, 19. April 2008 

Wieder da!!! 

Nun bin ich wieder hier, in Abidjan. Die Woche in Sassandra und San Pedro, den beiden Strandorten an der Westkueste der Côte d'Ivoire, habe ich wahrlich genossen. In meinem Reisefuehrer "Lonely Planet", den ich vor meinem Aufenthalt in der Elfenbeinkueste gekauft habe, steht: In Sassandra und weiter westlich der Stadt findest du die schoensten Straende Westafrikas, die sich beruhigend, traumhaft und einsam wie ein Band am rauschenden Atlantischen Ozean entlangziehen. So war es denn auch: Beruhigend, einsam, einfach traumhaft.

Doch um erst einmal dort hin zu gelangen, werden die deutschen Geduldsnerven ueberstrapaziert. Klar, ich bin ja auch mit einem afrikanischen Kleinbus zu meinem kleinen Erholungsort gereist. Da muss man Geduld beweisen und sich nichts anmerken lassen, wenn die notorische, aber nie boese gemeinte afrikanische Unpuenktlichkeit zuschlaegt. Mein Tagesplan am Anreisetag:

 9.00 Uhr:         eigentliche Abreisezeit, ich bin startbereit,warte auf Martial

10.00 Uhr:         Martial noch immer nicht da, bei Anruf, nimmt keiner ab

11.20 Uhr:            Nun wird es Zeit, ich fahre zu ihm hin. Finde ihn vor, er hat seine Sachen noch laengst nicht gepackt. War lieber heute morgen in der Schule. Er haette mich ja benachrichtigen koennen....

13.00 Uhr:            Endlich an der Abfahrtsstelle des Busse. 13 Uhr soll es nach Fahrplan eigentlich losgehen. Klar, dass der Termin nicht eingehalten wird.

15.00 Uhr:          Bus ist da, aber man wartet lieber, bis alle Plaetze verkauft und besetzt sind. Das dauert lange!

17.20 Uhr:          Endlich geht es los. Der klapprige Kleinbus ist proppenvoll. Nun muss noch getankt werden, ein paar Runden durch Abidjan gedreht werden und endlich befinden wir uns auf der ueber 200 Kilometer langen Routen Richtung Sassandra

20.00 Uhr:          Wir sind noch nicht da, die Militaerkontrollen, die aber nicht so zahlreich, wie vorher gedacht, sind, halten uns auf.

22.30 Uhr:           Endlich in Sassandra angekommen, doch nun beginnt ein neues Problem. Ich hatte es im Vorfeld schon befuerchtet, aber im Bus gebetet, dass es nicht eintritt.

Denn eigentlich war fest vorgesehen, dass wir bei einer Freundin von Martial schlafen. Ich hatte ihn in den Wochen zuvor mehrmals gefragt, ob sie nun zugesagt und ein Bett fuer uns uebrig haette. Und Martial bejahte immer. "Klar, kein Problem!" Als wir nun endlich spaet in der Nacht in Sassandra ankamen, hatte seine Freundin ploetzlich nur noch ein kleines Zimmer fuer sich selbst und kein Bett fuer uns zwei Angereisten uebrig. Anders gesagt: Wir standen auf der Strasse, die Freundin wollten uns nicht zu sich hereinlassen, weil sie schon geschlafen hatte und wir sie nicht in diesem Aufzug sehen sollten; fuer diese Nacht hatten wir erst einmal kein Schlafplatz.

Denn: Alle Hotels waren dummerweise just in dieser Nacht komplett ausgebucht. Was nun? Ich setzte mich vor ein Hotel und liess Martial die Arbeit uebernehmen. Mit der schweren Reisetasche durch halb Sassandra zu rennen und um ein kleines Zimmer zu flehen, war mir nun zu doof geworden. Da unterhielt ich mich lieber mit dem Waechter des letzten verbliebenen, aber denn leider auch ausgebuchten Hotel, dem Tantie Youyou.

Zum Glueck hatte dann Martial nach knapp einer Stunde doch noch eine Bleibe fuer die Nacht gefunden. Ein schaebiges Zimmer mit durchgedruecktem Bett bei einer meckernden alten Dame, mit der wir erst einmal stundenlang den Preis aushandeln mussten. "Du bist weiss, du zahlst mehr." Aber, hallo! Was ist das denn fuer eine Diskriminierung. Immerhin hatten wir ein Dach ueber'm Kopf gefunden. In der Nacht, als ich die kaputtgedrueckten Lattenroste unseres sandigen Bettes in meinem Ruecke spuerte, machte ich mit mir dennoch aus: Morgen werden wirst du dir ein vernuenftiges Hotel suchen, Markus. Das Hotel Tantie Youyou hat mir gut gefallen und, fuer deutsche Verhaeltnisse, spottbillig.

Doch ueber die weiteren Geschichten, die Entdeckung der verfallenen, teils abgebrannten Franzosenvillen und -hotels in und um Sassandra, die Begegnung mit einem hochinteressanten Afrikareisenden aus der deutschen Heimat und die Hippo-Guck-Tour im tiefen Regenwald berichte ich morgen. Nun warten die Kinder, die Arbeit geht weiter....

Auf morgen,

 (wenn denn der Computer funktioniert, ich Zeit habe und er nicht nicht von irgendjemand anderen benutzt wird)

Venco

 

 

 

Geburtstag, Oktoberfestmusik und das liebe afrikanische Essen

 Koumassi, 31. Maerz 2008

Mein Geburtstag. Lange ueber diesen Tag nachgedacht, wie er denn hier wohl werden wuerden. Nun kann ich sagen, dass er so vollkommen anders auch nicht wahr. Ich hatte eben mit anderen Leuten an einem anderen Ort auf einer Sprache gefeiert. Feuerwerk und tausend Kinderhaende schuetteln, wie die Volontaere in Indien, blieb leider aus. Doch trotzdem es bleibt ein Tag, den ich wohl so leicht nicht vergessen werde.

Immerhin: So warm war es meinem Geburtstag noch nie. Ueber 30 Grad, strahlenster Sonnenschein.... Was will das deutsche Geburtstagskind mehr? Bei diesem herrlichen Wetter luden mich die Patres gleich auch zu einem kleinen Strandausflug ein. Mittags fuhren wir gemeinsam nach Grand-Bassam. Nicht weit entfernt, doch ein herrliches Fleckchen Erde.

Mit Blick auf den Ozean und fast alleine an diesem ruhigen Ort gab es ein kleines Festessen und schliesslich hatten die Salesianer auch ein Geschenk fuer mich vorbereitet: Zwei urtypische afrikanische Bilder, in denen kleine Figuren sitzen, denen man beschuetzende, mystische Kraefte voraussagt. Sie sollen mich bis zum Ende meines Aufenthaltes, ja, und eigentlich auch ueber das Abreisedatum hinaus beschuetzen, so dass mir nichts zustoesst. Ich hoffe, sie werden ihre Arbeit erfuellen.

Leider hatte ich ein wenig zum falschen Zeitpunkt Geburtstag. Die meisten Kindern waren ueber Ostern bei ihrem Familien. Es ist ein erster Schritt, dass die Jungs wieder erkennen, wo sie denn eigentlich hingehoeren - naemlich zu ihren Eltern. Acht Kinder blieben ueber Ostern bei uns. Sie haben oft keine Eltern mehr - entweder weil sie tot sind oder, fast noch schlimmer, weil sie nichts mehr aus irgendwelchen Gruenden von ihrem Sohn wissen wollen.

Aber es waren diese acht Kinder, die mir dann am Abend in gebrochenem Deutsch ein Geburtstagsstaendchen zum Besten gaben. Immerhin hatten sie bis zur letzten Zeile singend durchgehalten. Die Patres hatten das Gleiche auch am Strand versucht, doch sie kapitulierten klaeglich nach den ersten Worten von "Zum Geburtstag viel Glueck..." und wechselten schliesslich ins Franzoeisische.

Deutsche Sprache, schwere Sprache. Obwohl ich mittlerweile weiss, dass Franzoesisch auch nicht zu den leichten Sprachen dieser Welt gehoert. Ich komme mir manchmal noch wie ein Russlanddeutscher vor, wenn ich mal diesen femininen Artikel auf Franzoeisisch mit dem muskulinen vertauschen. In Deutschland wird stumm gelaechelt, wenn ein Auslaender "Die Boot" sagt. Diese lachenden Leute sollen mal nach Abidjan kommen und ein Jahr ihr Leben auf Franzoesisch meistern.

Mein Geburtstag war auf jeden Fall eine interessante Erfahrungen und das Geschenk war genau das Richtige. Noch vor ein paar Tage habe ich es auf einem Markt von Abidjan gesehen. Ich wollte es fast kaufen. Na, Gott sei Dank, habe ich das nicht gemacht.

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Am Samstagabend war das Konzert der deutschen Schueler aus Bayern. Ich hatte ja berichtet, dass sie von einem Ivorer eingeladen wurden, der mir stolz sein Programm vorstellte. Es sollte im grossen Kulturpalast gespielt werden und die Schueler aus Regensburg sollten mit jeder politischen Autoritaet dieses Landes in Bekanntschaft treten. Leider nur Phantastereien dieses Mannes, er hatte schliesslich nichts organisiert, noch nicht mal die Hotelbuchung. Die Organisation blieb vier Tage zuvor schliesslich beim deutschen Kulturzentrum Goethe-Institut haengen.

Fuer die wenige Tage Vorbereitungszeit haben die Angestellten vom Goethe-Institut ihre Arbeit aber bestmoeglich erledigt. Die Schueler hatten die letzte Woche in drei Staedten der Elfenbeinkueste gespielt und sogar schliesslich den Praesidenten kennengelernt.

Der viel zu kleine Saal im Goethe-Insitut war an diesem Samstagabend fuer das letzte Konzert nicht nur bis auf den letzten Platz besetzt, viele Leute mussten sogar dichtgedraengt an den Waenden stehen, damit sie den Musikern, die Jazz und Stuecke aus Koenig der Loewen erklingen liessen, zuhoeren konnten. 30 junge deutsche Saxophon-, Klarinetten-, Trompeten-, Gitarren- und Schlagzeugspieler begeisterten die rund 150 Zuhoerer. Besonders mit ihrer letzten Zugabe: Zuenftige bayrische Musik, die selbst die Afrikaner von den Stuehlen riss und zum Tanzen animierte. Ich dachte fuer eine kurze Zeit, ich waere auf dem Muenchner Oktoberfest. Die uebergrossen Bierkruegen fehlten nur noch.

So gut die Schueler, die mittlerweile wieder in Deutschland, in Regensburg, sind, gespielt haben, so schlecht ging es den meisten waehrend der Vorstellung. Im Gespraech nach dem Konzert mit ihnen, erzaehlten sie mir, dass sie fast alle Magenkraempfe, Durchfall und sonstige Darmprobleme haetten. "Das afrikanische Essen", klagte ein Maedchen, "Das moegen wir ueberhaupt nicht. Das ist entweder klebrig-schleimig oder viel zu scharf." Eine junge Spielerin hatte sie noch just vor dem Konzert sieben Mal uebergeben. Ich weiss nicht, wie sie die rund zwei Stunden waehrend der Auffuehrung ruhig und konzentriert auf ihrem Platz sitzen bleiben und Klarinette spielten konnte.

Das verdient Respekt.

Gruss aus Abidjan,

Venco

 

 

Unglaubliche Geschichte eines Mannes, dem man nichts glauben sollte

Koumassi, den 24. Maerz 2008 

Frohe Ostern miteinander,

Leute gibt es hier, die sollte man am besten gar nicht kennen lernen. Die sagen, sie haetten etwas Tolles organisiert, posaunen das ueberall herum, fertigen ein Programm an und letztendlich macht es "Peng" und alles war nur heisse Luft. Nichts war organisiert und junge Musiker aus Deutschland sowie das Goethe-Institut in Abidjan fallen auf den Spuk herein. Und ich hatte ihm auch fest geglaubt. Naiv sind wir doch alle.

Von dem ich spreche, dem grossen Organisator, der letztendlich nur ein Luftschloss um sich baute und alle aufs glatte Eis fuehrte, heisst Lucien Lago. Er ist Deutsch- und Franzoesischlehrer in einem bayrischen Gymnasium, ist aber Ivorer und bei uns in der Nachbarschaft, in Koumassi-Remblais, geboren.

Somit ergab es sich, dass ich ihn kennenlernte. Er erzaehlte mir ganz aufgeregt, dass er gar nicht viel Zeit haette, er muesse naemlich eine grosse Tournee fuer ein junges Jazzorchester aus Deutschland vorbereiten. Diese Maedchen und Jungen im Alter von elf bis 18 Jahren waeren mit ihren Instrumenten schon in Uganda, Russland und Brasilien gewesen. Nun haette er sie hoechstpersoenlich in die Elfenbeinkueste eingeladen. Er selbst haette auch den grossen Kulturpalast (400 Sitzplaetze, aufregende Architektur) in Abidjan gemietet und auch diverse Konzersaele in den anderen ivorischen Staedten. Er selbst haette Audienzen mit dem ivorischen Praesidenten, dem Ministerpraesidenten, dem Minister fuer Verteidigung, dem Innenminister und dem deutschen Botschafter in Abidjan arrangiert. Selbst an einer Militaereskorte haette der grosse Cheforganisator Lucien Lago gedacht. So verkuendigte er es mir jedenfalls, als er mir stolz sein Programm praesentierte.

Ein Halleluja fuer ihn, ich war beeindruckt. Woher hat dieser Mann nur diese vorzueglichen Kontakte zum Praesidenten? Froh war ich, dass er mir auch eine Einladung, selbstverstaendlich gratis, aushaendigte. Ich freute mich schon auf das Konzert, ich freute mich, die Jugendlichen kennen zu lernen.

Am Karfreitag kamen die jungen Leuten aus Deutschland in Abidjan an. Sie uebernachteten in einem tollen Hotel, am Samstagmorgen stand dann - aber komischerweise stand das nicht im Programm - die Pressekonferenz im Goethe-Institut bevor. Ich war auch da, puenktlich um zehn Uhr, doch ich war alleine. 'Na gut, Afrika halt, Verspaetung ist normal', dachte ich mir. Bald kam dann die Direktorin vom Goethe-Institut. Sie, eine Deutsche, liess mich herein und ich konnte mich schon in den Saal setzen. Dort telefonierte der Pressechef wie wild mit allen ivorischen Jounalisten, dass sie ja kommen sollten, deutsche Musiker waeren im Anmarsch. Von den Journalisten war auch noch keine da. 'Klar', dachte ich mir, 'Afrika halt, Verspaetung'. Gegen elf kamen dann die Schueler. Nette Leute, habe mich gut mit ihnen unterhalten. Jedoch dass sie im Kulturpalast spielen und den ivorischen Praesidenten kennen lernen sollten, davon wussten sie nichts. "Wir kennen das Programm nicht so genau. Das hat sich wohl in den letzten Tagen stark geaendert", erzahlte mir ein Maedchen.

Die Pressekonferenz begann, langsam trudelten alle Journalisten ein. 'Ach', dachte ich mir, 'selbst die hohen Journalisten sind hier alle verspaetet. Typisch Afrika'. Gott sei Dank, habe ich das leise fuer mich gedacht. War naemlich falsch, was ich da vor mir hinsinnte.

Nach dem gemeinsamen Essen mit den Jugendlichen, den Journalisten und den Verantwortlichen mussten die jungen Musiker aus Regensburg schon weiter. Das erste Konzert in Yamoussoukro sollten sie am Abend geben. Als sie nun fort waren, hatte ich endlich Zeit, mit der Direktorin vom Goethe-Institut ins Gespraech zu kommen. Doch man sah ihr an, dass sie ziemlich fertig war. Der Paukenschlag sollte nun folgen.

Nun legte die Frau los. Sie deckte die ganze Unwahrheit um Herrn Lucien Lago auf. Er, der immer sagte, er habe so wahnsinnig Viel, zu erledigen, hatte naemlich nichts organisiert, gar nichts. Nicht mal den Bus fuer die Reise hatte er reserviert, von der Unterkunft fuer die 40 Schueler ganz zu schweigen. Termin mit dem ivorischen Staatsoberhaupt, den anderen politischen Autoritaeten, alles Pustekuchen. Den Kulturpalast hat er natuerlich auch noch nicht gemietet. Im Prinzip hatte er nichts gemacht und dabei hatte er doch 20.000 Euro vom Goethe-Institut erhalten.

Als dieses Dilemma das Goethe-Institut vier Tage vor der Anreise der Jugendlichen spitz bekam, waren alle erschrocken. Sofort wurden alle Raeder in Bewegung gesetzt. Ein Hotel wurde in Bassam gebucht, Bus, Konzertsaele in den anderen Staedten ausgesucht und reserviert, viel Werbung gemacht, dass auch viele Leute kommen werden. Der Kulturpalast war aber schon ausgebucht. Nun muss das deutsche Jazzorchester auf den kleinen Saal im Goethe-Institut ausweichen - 50 Plaetze stehen dort gerade mal zur Verfuegung. "In den letzten Tagen haben wir Tag wie Nacht gearbeitet, dass unsere Gaeste aus Deutschland nichts bemerken", sagte sie mir. "Dabei muessen wir noch viele andere Projekt derzeit betreuen. Doch die Jugendlich sollen ja nach Deutschland mit einem guten Bild der Elfenbeinkueste zurueckkehren."

Der Mann, der da heisst Lucien Lago, hatte sich also auf seinen ruhigen Federn ausgeruht. Vielleicht hatte er gedacht, dass das Goethe-Institut alles richten wird. Ich weiss nicht, ob es kuehle Taktik von diesem Mann war oder ob er dermassen unorganisiert ist, dass er dieses Projekt nicht bewaeltigen konnte. Ich hoffe, auch wenn das ebenso traurig ist, dass es das Zweitere ist.

Immerhin: Am Freitagabend findet immerhin ein Konzert im Goethe-Institut statt. In kleiner Atmosphaere, aber immerhin kann man so besser den deutschen Botschafter kennen lernen. Der soll naemlich, so hat mir die Leiterin vom Goethe-Institut versichert, wirklich kommen. Das war keine Lucien-Lago-Luege.

Gruss,

Venco

 

Pilger, Essen, Pilgern

 Koumassi, den 13. Maerz 2008

Ostern steht vor der Tuer. Und somit muss auch gepilgert werden - so die hiesige Logik. Meine Pilgertour habe ich am letzten Sonntag vernommen. Es war eine Pilgerfahrt fuer Kinder. Demnach, damit die Kinder auch schoen lange ausschlafen koennen, muesste sie nach meiner Devise spaet losgehen. Pustekuchen, halb sechs war Treffpunkt im "Don-Bosco-Village". Man haette aber auch ruhig etwas spaeter kommen koennen. Denn wir leben in Afrika, dem Kontinent der Verspaeteten.

Somit waren wir mit den Kindern aus unserem Heim auch mit die Ersten, als wir, selbst nicht puenktlich, um sechs Uhr in der Frueh eintrafen. Ich hatte schon ein wenig Verspaetung einkalkuliert. Kaum jemand von den erwarteten 500 Kindern waren zur Abfahrt bereit. Aber das machte ja nichts: Waeren alle da gewesen, waere es eh nicht losgegangen. Denn die Busse kamen erst eine Stunde spaeter. Selbst das Organisationsteam war noch nicht anwesend. Die Herrschaften kamen erst eine stattliche halbe Stunde spaeter. Also hiess es warten, Zeit verschwenden, sich anderweitig beschaeftigen.

Doch irgendwann gegen neun Uhr konnten wir endlich in den Bus einsteigen. Ein klappriges Gefaehrt und natuerlich hatte nicht jeder einen Sitzplatz, es musste gestapelt werden. Vorher hatten wir die 500 Kinder in 20 Gruppen eingeteilt. Auch mir, denn ich war fuer diesen Tag als Leiter einer Gruppe vorgesehen, wurde eine Schar von Sechs- bis 14-Jaehrigen Maedchen und Jungen zugewiesen. Aber ich war nicht alleine, ein weiterer Leiter half mir. Wir sollten bis zum Flughafen fahren, dort mit allesamt aussteigen und den letzten Weg zu unserem Pilgerziel zu Fuss zuruecklegen.

Auf diesem letzten Pilgerweg entlang der Flughafenmauer und spaeter durch einen Palmenwald sollten wir, so war es urspruenglich vorgesehen, drei Pausen einrichten. Wir sollten anhalten, in Stille einen Halbkreis bilden, die drei Geschichten aus dem vorab verteilten Programmheft lesen und mit den Kindern die daruntergestellten Fragen beantworten. Diese Anekdoten handelten natuerlich von Glaubensfragen, wie verzeihen koennen und Freundschaften finden. War ja alles eine nette Idee. Aber wir waren leider schon drei Stunden verspaetet und um 10 Uhr nochwas angekommen, mussten wir uns spurten, dass wir auch zeitig zur 12-Uhr-Messe am Ziel sind. Sechs Kilometer galt es zurueckzulegen und das mitunter kurzbeinigen Sechsjaehrigen.

Also wurde das mit den Pausen verworfen, die Geschichten wurden im Marschschritt gelesen, die Fragen im Laufen beantwortet. Erschwerend kam hinzu, dass die ganzen anderen Gemeinden aus dem Bistum auch verspaetet mit ihren Kindern ankamen und genau dasselbe taten. Also staute es sich auf den schmalen Feldwegen, die es zu bewaeltigen galt. Und ich ganz hinten musste mich intensiv anstrengen, dass ich hinhoerte, was meine Gruppe mir erzaehlte und nicht das, was die Kinder aus den anderen Gemeinden hinter mieinem Ruecken von sich gaben.

Doch immerhin kamen wir noch zeitig an. Es war ein idyllischer Ort an einer Lagune. Neben uns das plaetscherne Wasser, Sand, auf den man sich niederlassen konnte und viele Palmen, die Schatten spendeteten, in der Ferne sah man die hohen Gebaeude von Abidjan. Sehr schoen eigentlich, um eine Messe mit allen Kindern aus dem ganzen Bistum zu feiern. Doch das Organisationsteam haette lieber vorher bedenken sollen, dass an diesem kleinen Fleckchen viele, viele Kinder zusammenkommen werden. Somit war es wie auf einem Konzert: Man musste sich seinen Platz suchen, aber man fand ihn auch.

Nach dem Gottesdienst wurde dann gegessen. Ich wurde von meiner Gruppe zum Festmahl eingeladen. Die Kinder hatten, genuegend zu essen. Wuchtige Plastikkoerbe schleppten sie mit sich, in denen dicke Toepfe warteten, das sie geoeffnet werden und Suessigkeiten endlich aufgegessen werden wollten. Ich musste also nicht hungern - obwohl ich selber gar nichts mitgenommen hatte.

17 Uhr abends war ich dann endlich wieder im Kinderheim. Eigentlich wollten wir schon frueher zurueckkehren. Doch die Busse, die uns diesesmal direkt am Zielort abholen sollten, waren zu breit, dass sie die schmalen Wege durch den Palmenwald durchqueren konnten. Also hiess es: zuruecklaufen... ehm, Verzeihung, zurueckpilgern.

Gruss aus Abidjan,

Venco

Der unwillkommene Besuch

Koumassi, den 10. Maerz 2008 

Hm,

manchmal ist es dann doch ganz schoen gefaehrlich in Abidjan. Es soll ja nicht nur Strassenkinder geben, die auch mal einen erwachsenen Mann ueberfallen koennen, sondern auch Maenner, die auch auf den Strassen dieses Stadt leben und mit Raub und Ueberfall so eben ueber die Runden kommen. Manche von ihnen waren, als man sie noch Strassenkinder bezeichnen konnte, in unserem Heim. Sie fuehlten sich wohl dort nicht sehr wohl, sind geflohen und lebten weiter auf der Strasse - bis heute. Und einestages tauchen sie in unserem Heim wieder auf. Wie Samstagmittag.

Ich war den ganzen Samstag alleine mit den Jungs im Kinderheim. Morgens haben wir ein paar Spiele unternommen, nun ,gegen halb 12, wuschen sich die meisten. Das Mittagessen wurde vorbereitet, der Tisch gedeckt. Ich war gerade in den Zimmern der Kinder, um zu kontrollieren, dass auch jeder seine Dusche nahm. Als ich nach unten kam, sassen ploetzlilch zwei heruntergekommene Gestalten, gestandene Maenner, in unserem Speisesaal und spielten am Tische mit dem Dame-Spiel.

Ich fragte sie natuerlich, was sie hier machen wuerden. "Wir wollen hier essen", war die scharfe Antwort von dem Ersten. Beide stanken ein wenig, sie trugen zerissene Kleidung und die Haende, ihre Gesichter waren schmutzig. Ja, mir war klar, sie lebten auf der Strassen. Ich erklaerten ihnen, dass dies ein KINDERheim waere und wenn sie beide hier essen wollten, zwei unserer Kinder an diesem Tage keinen Teller zu Mittag bekaemen. Doch das war ihnen egal. Sie erklaerten mir, dass sie hier vor ueber zehn Jahren lebten und nun das Recht haetten, in ihrem alten Zuhause eine grosse Portion Reis mit Fleisch zu bekommen. Ich machten ihnen noch einmal klar, dass dies nicht moeglich waere. Nachher kame hier jeder an und wollte in unserem Heim essen. Wir seien ja kein Restaurant, erklaerten ich den beiden. Ausserdem gebe es in Abidjan viele andere Einrichtungen, wo erwachsenen Menschen mittags etwas zu essen bekaemen. Aber nicht hier!

Nun wurde einer von ihnen richtig zornig. Er warf das Damespiel durch den Raum, stand auf und schrie: "Ich moechte hier essen, nur hier!". Sein Kollege versuchte, ihn zu beruhigen. "Lass lieber gehen", sagte er nun immerzu. Er blieb die ganze Zeit schuechtern ruhig auf seinem Platz sitzen. Der andere wurde nun aber ganz schoen zornig.

Gott sei Dank, kam in diesem Moment noch ein anderer Leiter mit Pater Albert ins Kinderheim.  Wir konnten gemeinsam die beiden rausschmeissen. Pater Albert machten den beiden klar, dass er gerne fuer sie Arbeit suche. Aber dafuer muessten sie sich auf seinem Grundstueck besser verhalten.

Die Kinder waren geschockt. Doch nach dem Mittagessen konnte ich ihnen verdeutlichen, dass, wenn sie aus unserem Kinderheim fliehen und das Leben auf der Strasse ihrem jetzigen Leben im Heim vorziehen, genauso wie die beiden unwillkommenen Besucher werden wuerden. Der Besuch der beiden hatte also auch etwas Gutes: Sie sind ein bestes Beispiel fuer die gescheiterte Existenz eines Leben auf der Strasse. Vollkommen abschreckend fuer die Kinder.

Eines wurde mir erst im Nachhinein klar. Die ganze Zeit hielt jeder der beiden Maenner eine Plastikflasche zwischen ihren Haenden. Nicht zu selten oeffneten sie das Gefaess, setzten ein Tuch an die Flaschenoeffnung, liessen die Fluessigkeit ueber das Tuch ergiessen und inhalierten schliesslich diese Fluessigkeit durch ihre Nase. Es war ein Gemisch aus Klebstoff und allem anderen schlechten Zeug, das Menschen in ihrem Kopf staerker macht als sie in Wirklichkeit sind. Ohne diese Droge koennen die beiden nicht mehr leben und mit diesem Drogengemisch sind sie ganz schoen gefaehrlich.

Gruss,

Markus

Eine Plantage im Dschungel

Koumassi, 27. Februar 2008 

Hallo, hallo,

vor ein paar Wochen war ich mit einem Freund zur einer Taufe eingeladen. Sein Bruder war gluecklicher Vater geworden und das zum vierten Mal. Gluecklich ist er indessen nicht nur, sondern vor allem reich. Ein grosses Haus hat er im vorhabenen Viertel Cocody-Riviera, von Beruf Anwalt fuer milionenschwere Unternehmen und zwei grosse Leidenschaften.

Die erste ist das Leeren einer teuren Weinflasche und die zweite ist die Landwirtschaft. Jetzt ist es nicht so, dass er, wie in Deutschland, zwischen Maisfeldern und Schweinen arbeitet. Nein, er hat eine stattliche Plantage 20 Kilometer von Abidjan entfernt. Natuerlich wollte ich die gerne sehen und er wollte sie mir auch gerne zeigen. Also fuhren wir hin, erst ueber die relativ gut asphaltierte Autobahn Richtung Landesinnere, doch dann wurde der Weg ein wenig beschwerlicher.

Seine Plantage liegt naemlich rund neun Kilometer von der Autobahn entfernt, mitten in der Praerie, ja im Dschungel, wo keine Stadt, kein Dorf zu finden ist. Somit legten wir die letzten Kilometer ueber eine loechrige, kurvenreiche und mal abfallende, mal ansteigende Rotsandpiste fort. Ich bin ja schon ueber viele Schlaglochwege gefahren, aber das brach alle Dimensionen. Trotz eines kraeftigen amerikanischen Gelaendeschlittens, blieben wir einmal fast in einer Schlammpfuetze stecken und fast, der Wegesrand fiel an dieser Stelle etwas steil ab, waeren wir mit dem gelaendeerprobten Auto umgekippt.

Nach der Achterbahnfahrt wider Erwarten doch wohlbehalten angekommen, fand ich mich in einer kleinen Ansammlung von drei, vier Huetten wieder. Dort wohnen die paar Arbeiter, die das kleine Hobby "Plantage und seine Fruechte" betreuen. Einer von ihnen lobte in meiner Gegenwart immerzu "die Deutschen". "Ich liebe die Deutschen", sagte er. "Denn die sind gross und fleissig, so wie du". Dumm, dass ich auch mal wieder alle Vorurteile glatt erfuelle. Ich bin gross, somit sind alle Deutschen genauso gross wie ich - selbst die Frauen. Ich bin der lebende Beweis.

Nun sollte ich mal erzaehlen, was George, so der Name des Plantagenfreundes, auf seinen Feldern so anbaut. Jetzt denkt bitte nicht, dass etwas Illegales dabei waere. Wenn ja, hat er es gut vor meinen Augen versteckt. Bei unserer Tour zeigte er mir die Kautschuckbaeume und Kakaopflanzen, riesige Colabaeume und Palmen, die den leckeren Palmwein von sich geben, und schliesslich auch Bananenfelder. Alles schon mal auf Fotos im lieben Erdkundebuch gesehen, nun auch einmal live miterlebt.

Die Haelfte seines Grundstueckes hat er aber noch naturbelassen. Somit konnten wir auch durch einen richtigen tropischen Regenwald spazieren. Bei dem vielen Gestruepp, das dort zwischen den Baeumen haengt, mussten wir uns den Weg mit einer Manschette durch den Urwald bahnen und ich musste aufpassen, dass ich nicht mir blutigen Beinen aus dem Wald herauskomme. Dummerweise hatte ich naemlich an diesem Tag eine kurze Hose angezogen und musste permanent aufpassen, dass die vielen Disteln und Dornen, die ueberall lauerten, mir keine Wunden zu fuegten. Gott sei Dank, nichts passiert!

Schlangen sollte es in diesem Waldstueck angeblich auch geben, ich habe aber leider (oder vielleicht zum Glueck) keine gesehen. Doch eines habe ich noch bemerkt: Gerade in so einem Regenwald schwitzt man noch viel eher als im Stadtbezirk von Abidjan. Oft merkte ich gar nicht, dass die Tropfen bereits an meinen Armen nur so runterkullerten.

Als Mittagessen war fuer diesen Tag eigentlich erst Krokodilfleisch angesagt. Doch die sollten in ihrem Teich erst noch verschont bleiben. Das Zubereiten dauere zu lange, so die Entschuldigung. Stattdessen musste ein Hahn sein Leben fuer meinen Hunger opfern. War auch ganz vorzueglich. Krokodil steht vielleicht beim naechsten Besuch auf der Speisekarte. Aber dafuer braucht George noch ein paar mehr Gaeste. Also, wer moechte mit?

Gruss aus Abidjan,

Venco

Das Treffen mit einem Reggae-Star

Abidjan-Koumassi, den 24. Februar 2008 

Einen weltweit gefeierten Reggae-Star habe ich am Donnerstag persoenlich kennen gelernt. Gut, ich durfte ihm die Hand schuetteln, er fragte mich, wie es mir gehe, woher ich kaeme. Das Uebliche halt. Und schliesslich ein gemeinsames Foto.

Wer dieser Reggae-Star sein soll? Nenne ich den Namen, werden ihn wohl die meisten von euch nicht kennen. Wir sind wohl zu jung, denn er ist schon ueber 50 und hat sich in den letzten Jahr eher zur Ruhe gesetzt, gibt noch manche Konzerte hie und da. Doch noch immer wird er als die Nummer Zwei hinter Bob Marley in der Welt des Reggaes angesehen. In den Achtzigern hat Alpha Blondy, so sein Name, unzaehlige Konzerte in den USA und Europa gegeben. Cool, dass ich ihn mal kennen lernen durfte.

Ueberraschend, voellig unerwartet, rief ein Mann am Strand von Grand Bassam (ein pittoresker Ort 30 Kilometer von Abidjan entfernt): "Alpha ist da, Alpha ist da!" Ich war gerade aus dem wellenrauschenden Ozean gekommen und wollte mich wieder an unseren kleinen Bambustischchen am Strand setzen. Ich feierten mit drei anderen Leuten den Geburtstag von Sylvain, einem Verwandten eines Ivorer aus Oelde. Eher ich mich versah, sass ich urploetzlich alleine an dem Tisch. Die anderen, selbst die Leute an den Nachbartischen, waren flugs in Richtung einer wenig abgeschirmten Strandkneipe gerannt. Ihr Idol, das musikalische Aushaengschild der Cote d'Ivoire, war gekommen und um voellig entspannt und leger eine Cola am Strand zu trinken.

Ohne viel Umstaende schuettelte er uns allen die Hand und ich, mit meiner weissen Haut, fiel im Pulk seiner Fans natuerlich auf. Da musste er mich einfach fragen, woher ich denn komme. Ob ich denn - eine Frage die mir hier andauernd gestellt wird - Franzose sei? Natuerlich nicht, aber so aehnlich - ein Deutscher. Ein Foto folgte und dann wollte ich ihn auch in Ruhe lassen.

Ein Freund von Alpha Blondy erzaehlte mir etwas spaeter noch, dass Alpha manchmal, wenn sich die Sonne dem Horizont am Meeresrande neige, in die Wellen des Ozeans steige. Wir warteten, aber schwimmen wollte der alterne Star an diesem Tage nicht, er war verschwunden.

Immerhin, Alpha Blondy ist so typisch reggae. Vollkommen unaufgeregt, zu jedem aufgeschlossen und so gar nicht Star. Der Strandbesuch an sich war entspannend und interessant, wie ich es erwartet hatte. Kaum Menschen an dem langen Strandband, das von der einer Seite vom peitschenden Ozean und von der anderen Seite von einer saftig gruenen Palmenkette eingegrenzt wurde. Allerlei Kaufobjekte wurde mir auch an diesem Tage angeboten. Ueberall lauern Nigerer, Nigerianer oder andere Haendler in ihren orientalischen anmutenen Kostuemen. Sie bieten urige Piratenkisten, verschiedenste afrikanische Holzstatuen, Ketten, Ringe und selbst hoelzerne Saebel an.

Gekauft habe ich lediglich eine kleine Reggae-Kette. Sie soll mir ein kleines Andenken an dem Treffen mit Alpha Blondy bleiben. Mal schau'n, wann ich Drogba die Hand schuetteln darf...

Gruss aus Abidjan,

Markus

 


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