Konzert geht beinahe im Buehnensturm unter

Abidjan-Koumassi, den 24. Juni 2008

Ein Konzert fuer die Kinder. Am letzten Samstag sollte es wieder so weit sein. Ein Konzert hoert sich ja ganz nett an, doch ist mir, wenn ich diese Ankuendigung hoere, nicht ganz wohl dabei.

Das letzte Konzert war statt Vergnuegen eher eine Leidensprozedur gewesen. Um acht Uhr morgens sollte es anfangen, um elf nach diversen Raumwechseln begann es endlich. Die Kinder schliefen waehrend der Veranstaltung ein.

Nun also wieder eine Vorstellung fuer unsere Kinder. Doch meine Befuerchtungen hinsichtlich der Verspaetung loesten sich Luft aus. "Das Konzert fuer die Kinder Abidjans in schwieriger Situation" fing beinahe puenklich - mit akzeptablen 20 Minuten hinter der Zeit - an. Ein guter Beginn, doch das sollte nicht so bleiben.

Wer dieses Konzert auf die Beine stellte und warum? Es ist der Zusammenschluss aller Organisationen Abidjans, die mit Strassenkinder - abgemildert gesagt "Kinder in schwieriger Situation" - arbeiten. Nun, da die grossen viermonatigen (!) Sommerferien beginnen, sollte ein Abschlusskonzerten mit einigen halbwegs beruehmten Buehnenstars das Jahr abrunden.

Die ersten Gruppen liessen sich auch ganz nett anhoeren und jeder hatte seinen Platz, jeder Besucher, ob klein oder gross wie ich, bekamen ein rotes T-Shirt, das in grosses Lettern gegen die Anwerbung von Kindersoldaten warb. Ich hatte gedacht, dass meine Befuerchtungen sinnlos waren und ich mit den Kindern einen passablen Nachmittag verbringen wuerde.

Nichts da! Denn, wenn schon das Konzert puenktlich beginnt, muessen eben die Zuschauer sehr unpuenklich sein, um das afrikanische Klischee vom "Dauerzuspaetsein" zu bestaetigen. Somit kamen einige Gruppen eine schoene Stunde zu spaet und fanden keinen Platz mehr. Aber die Kinder setzten sich einfach auf den Boden vor der Buehne, doch irgendwann bot auch der Boden keinen Platz mehr. Es wurde unruhig in der Menge.

Irgendwann, in der Mitte des Konzertes, wurde dann DJ Bonbon angesagt. DJ Bonbon? Wieso traegt der denn diesen Namen? Die Antwort kam zugleich: Als er zu seinem Playback-Song seinen Mund oeffnete, um so zu tun, als saenge er, steckte er seine Hand in die grosse Manteltasche und brachte viele bunte Bonbons heraus, die er in die Luft warf. Das zog dummerweise aber die Kinder an, wie ein Magnet das Eisen. Viele, viele Kinder - zum Glueck nicht die Unsrigen - rannten auf die Buehne und haetten beinahe den "Star" unter sich begruben. Die Playback-Musik musste abgestellt werden, die Kinder wurden von der Buehne verscheucht, durch die Moderatorin belehrt. DJ Bonbon begann von Neuem - diesmal ohne Bonbon-Regen.

Die Kinder liessen sich aber von der Belehrung der Moderatorin nicht beruhigen. Als ein vermeintlich grosser Star - ich kenne ihn natuerlich nicht, aber alle anderen pflippten aus - seinen Chanson zum Besten gab, rannten die Kinder - Gott sei Dank, mal wieder nicht unsere - auf die Buehne. Die Musik wurde wiederum abgestellt, doch es war schon zu spaet.

Die Kinderhorde hatte schon die Dekoration, die aus bunten Luftballons und Schleifen bestand, von der Wand und der Buehne gerissen und erfreuten sich lautstark ueber ihre Beute.

Lange dauerte es, bis die wilde Kindermenge beruhigt, ermahnt wurde, auf ihren Plaetzen zu bleiben, egal was auf der Buehne geschehe oder wer sie betrete. Wenn dieses noch einmal passiere, so wurde hinzugefuegt, muesse das Konzert - "Das wir fuer euch vorbereitet haben!" - abgebrochen werden.

Das kam an. Die letzten Lieder wurden nun ohne Geschrei und wilde Turbulenzen entgegengenommen, so dass das Konzert ruhig und ohne Dekoration zu Ende gehen konnte.

Malaria verdirbt den Rebellenurlaub

 Abidjan-Koumassi, den 17. Juni 2008

Da hat sie mich doch noch gepackt.

Ich hatte eigentlich gedacht, die Malaria wuerde mich verschonen, doch gerade wenn man denkt, dass die Gefahr vorbei sei und man nicht mehr erkranken werde, kommt sie so ploetzlich und unverhofft. Gerade in Korogho, im Rebellengebiet, musste sie ueber mich kommen. Unpassender ging es nicht mehr.

Denn in Korogho, hoch im Norden der Côte d'Ivoire, im Bereich der bruehenden Savanne, haben noch die Rebellen das Sagen. Sie kontrollieren dort noch das Tagesgeschehen, bereichern sich an die durchfahrenen LKW-Ladungen und lassen Nachrichten aus dem Sueden kaum zu den Bewohnern des Norden durchdringen. Leider gibt es aber somit auch kaum Medikamente in der Stadt und das wurde mir  fast zum Verhaengnis. Denn ich brauchte bei 40-Grad-Fieber dringend die Praeperate gegen Malaria und es schien fast so, als waeren sie in der Stadt ausverkauft.

Ein Pater suchte fuenf Apotheken auf, die meisten waren geschlossen und die, die offen waren, hatten keine Medikamente gegen Malaria. Doch endlich die sechste hatten noch einige Packungen uebrig. Da hatte ich noch einmal Glueck gehabt.

Eigentlich wollte ich in Korogho nur das salesianische Projekt besuchen. Ich fuhr also mit einem Pater die 600 Kilometer hinauf ueber die leicht holperige, aber immerzu geteerte Strasse. Die Landschaft veraenderte sich von hochtropisch bis zur trockener Savanne, von hohen saftig gruenen Baumtuermen zu knochrigen kleinen Zitronenbaeumchen, von feuchten 28 zu heissen 38 Grad. Korogho ist aber noch immer in der Hand der Rebellen. Sie stellen dort den Buergermeister, sind dort fuer die Sicherheit zustaendig (obwohl sie sich darum nicht kuemmern und es immer wieder Ueberfaelle und Einbrueche gibt) und bauen ueberall in der Stadt grosse Haeuser - fuer sich selbstverstaendlich. Sie haben durch den Krieg gut Kasse gemacht.

Die Don-Bosco-Salesianern koennen trotz allem sehr gut leben in der Stadt. Sie sind hoch angesehen, da sie ein Gymnasium unterhalten, das einen sehr guten Ruf geniesst. Ich besuchte also in den ersten Tagen die Schule, einige Doerfer und dieser ganze Trubel, schon allein die 600-Kilometer-Anreise Abidjan-Korogho, der Klimawechsel provozierte wohl, dass ich mich am dritten Tag ziemlich elendig fuehlte. Erst dachte ich an eine kleine harmlose Grippe. Jedoch als mir abends das Fieber-Thermometer 39 Grad Koerpertemperatur anzeigte, ich kaum etwas essen konnte, war klar: Das ist Malaria!

Leider wollte die Temperatur in den naechsten Tagen nicht mehr sinken. Morgens ging es mir verhaeltnismaessig gut mit 38 Grad, doch abends wollte ich nur noch ins Bett. 40 Grad, da laesst man auch die EURO-Fussballspiele sausen.

Der Entschluss war schnell gefasst. In Korogho kann ich nicht bleiben. Das oertliche Krankenhaus hatte kaum Aerzte, die hohen Tagestemperaturen von knapp 40 Grad schadten nur meiner Gesundheit und die Apotheken verkauften kaum hilfreiche Medikamente gegen die Malaria. Also fuhr mich ein Pater aus Korogho 350 Kilometer bis in die Hauptstadt Yamoussoukro, wo ich schon von Pater Albert, der extra aus Abidjan angereist war, in Empfang genommen wurde, um die letzten 250 Kilometer in seinem Auto zurueckzulegen.

Nach dieser langen und ueberstuerzten Rueckreise ging es mir zwar in Abidjan fast noch elendiger. Doch die hiesigen Medikamente schienen anzuschlagen, das frischere Klima liess mich besser atmen und schon nach wenigen Tagen war die Malaria urploetzlich verschwunden. Abidjan hatte mich geheilt.

Nun nach knapp einer Woche ueberstuerzter Heimkehr von Korogho denke ich, dass es sehr schade war, dass ich nicht alles im Norden bedingt durch die Krankheit sehen konnte. Gerne waere ich noch den 1000 Meter hohen Berg "Mont Korogho" hochgekraxelt, doch in solchen Belangen ging die Gesundheit einfach vor.

Positiv gesehen: Auch wenn ich nicht noch einmal Malaria haben moechte, hat es einen guten Aspekt. Nun kann ich Zuhause erzaehlen, dass ich SIE gehabt habe. Nun bin ich afrikanisch getauft, wie die Patres hier sagen. Nun gehoere ich wirklich dazu - zur Gruppe der Malaria-Gehabt-Haber.

Maria Superstar

Abidjan-Koumassi, den 01. Juni 2008

Samstagabend, die Sonne steht schon etwas geneigt am Himmel, aber es ist noch bruetend heiss. Wir haben Glueck: kein Regen. In den letzten Tagen hat er uns zu oft begleitet, doch nun zur Marienprozession strahlt der Himmel im herrlichen Blau mit einigen, dem Anblick kaum stoerenden, Schleierwolken.

Marienprozession? Vorher hatte ich mir ein paar Gedanken gemacht. Wird sie so sein, wie ich sie im Film "Der Pate, zweiter Teil" gesehen hatte? Also mit lauten Fanfaren, Trompeten und droehender Musik, mit Frauen die Konfetti in die Luft werfen, mit Glaeubigen, die alle kraeftig mitsingen, mit einer grossen Marienstatue, die festlich geschmueckt, von einigen Leuten durch die Strassen getragen wird. Ehrlich gesagt, ich hoffte, es wird so sein.

Und dem, kopiegenau wie im Film, war auch so. Wir begannen unseren Weg auf dem Gelaende der Salesianischen Schwestern, dem "Village Marie Domenique" und ueber reichliche Umwege ging es ueber die Strassen zur Kirche.

Strassen mussten vorher nicht abgesperrt werden. Es sind zwar stark befahrende Fahrwege, doch die Pfadfinder der Gemeinde kuemmerten sich, dass die ankommenden Autos umgeleitet oder aufgehalten wurden. Bei der Stadtverwaltung wurde, wie in Deutschland es hoechstes Gebot waere, nicht nachgefragt. Wenn eine Marienstatue durch die Strasse gefuehrt wird, ist klar, dass sie Vorrang hat. Da muss man nicht fragen: "Duerfen wir das? Wieviel kostet das?" Es wird einfach gemacht. Basta!

Nicht nur, dass wir die Strassen blockierten, Buslinien mit ihren genervten Insassen aufhielten, Taxen nicht vorbeiliessen, nein, wenn eine Station zum Gebet gemacht wurde, dann wurde das mitten auf der Strassenkreuzung zelebriert. Damit auch gleich zwei Strassen blockiert wurden, das hat einen groesseren Effekt.

Doch wie die Glaeubigen wieder gefeierten haben, ihre schnellen, ins Ohr gehenden Lieder anstimmten, vor der Marienstatue tanzten, jubelten, starkt mitsangen, ja mitkreitschten, dass kann nur in Afrika moeglich sein. Mit einer europaeischen Prozession war das, schon allein durch die Trompeten, nicht zu vergleichen. Hier wird Kirche zum Fest.

Kirmes light

Abidjan-Koumassi, den 26. Mai 2008

Am Sonntag feierten wir Maria-Helferin-Fest. Sehr wichtig fuer den Don-Bosco-Kalender, dementsprechend wurde eine Kirmes vor der Kirche organisiert.

Kirmes?

Nun laeuft das nicht so pompoes wie in Lette ab. Autoscooter? Fehlanzeige! Raupe? Fehlanzeige! Eisstand? Auch nicht da! Wozu auch? Was wir brauchten waren viele, viele Kinder, die Lust hatten, sich zu amuesieren. Und die waren zahlreich gekommen.

Zuerst wurde die Messe speziell fuer die Kinder gefeiert. Danach wurden einige kleine Spielstaende wie Dosenwerfen und Puzzeln aufgebaut. Alles war sehr einfach. Doch die Kinder freuten sich unheimlich und jede Aktivitaet war umsonst. Man bekam sogar noch etwas fuer die Teilnahme. Raeumte man alle Dosen vom Tisch ab, wurde einem eine dementsprechend grosse Suessigkeit zugesteckt. Der Hauptpreise waren aber die riesigen Ueberraschungstueten, gefuellt mit suessen Kostbarkeiten natuerlich, die es von einer langen Schnur abzuschneiden galt. Gar nicht so einfach: Das Kind bekam die Augen verbunden, wurde drei Mal zur Desorientierung im Kreis gedreht und musste exakt die Verbindungsschnurr kappen, um den begehrten Gewinn zu ergattern. Einige Glueckliche gelang es dann doch.

Nach dieser ersten Spieleetappe wurden Tanzwettbewerbe, Quize und Sketche aufgefuehrt, um schliesslich zum Schluss gemuetlich zusammen zu essen. Alles war, wie gesagt, umsonst. Und jeder war unheimlich gluecklich. Auch ohne Raupe, Autosscooter und Eisstand.

Des Bischofs Besuch und eine nette Attacke

Abidjan-Koumassi, den 24. Mai 2008

Bischoeflicher Besuch am Mittwoch im Kinderheim: Der Bistumschef von Abidjan-Grand-Bassam wollte uns und die Kinder kennen lernen und stattete dem "Foyer Magone" einen Besuch ab. Hoert sich nun nicht ganz so spannend an, ein Bischofsbesuch in Deutschland ist zwar auch nicht ganz alltaeglich, doch so dermassen aufregend, dass man darueber schreiben sollte, ist es auch wieder nicht. Aber ich bin in Afrika und hier ist es vor allem in kirchlichen Angelegenheit bisweilen wie noch in der Heimat vor hundert Jahren. Ein Bischof besitzt noch die volle Autoritaet und wenn der zu Besuch kommt, unsere Pfarrei, das Kinderprojekt besichtigt, dann ist jeder und alles auf den Beinen, um seine Exzellenz Paul (der Nachname ist mir leider schon wieder entfallen) die Ehre zu erweisen.

Ausserdem muss ich hinzufuegen, dass er ein Spross einer sehr elitaeren Familie der Cote d'Ivoire ist: Sein aeltester Bruder ist Praesident der Westafrikanischen Zentralbank, sein etwas juengerer Bruder Staatsminister fuer Wiedervereinigung und Frieden und sein Cousin ist kein Geringerer als der ivorische Staatspraesident und "Uebervater" Laurent Gbagbo. Also war die Anspannung im Kinderheim fuehlbar, als wir auf seine Visite warteten. Leider nahm das Warten kein Ende. Wir warteten und warteten und warteten. Vertrieben uns die Zeit mit Monopoly, Scrabble und Co. und schwupps, war der Morgen des Wartens schon fast vorbei: 11 Uhr und er war noch nicht da.

Warum? Der Bischof haelt gerne lange, ausschweifende Reden. Er hatte sich demnach  lange und redsam in der Gemeinde bei einer Versammlung aufgehalten. Doch dann war er da. Der Bischof! Seine Exzellenz! Die Spiele wurden in der Hektik - man wollte ihn ja nicht mit dem Aufraeumen dummer Gesellschaftsspiele aufhalten - geschwind in die Nebenraeume versteckt.

Zum Wohle unserer Kinder zog sich seine Rede nach der Vorstellung des Heims nur ueber zehn Minuten. Da war er noch sparsam mit seinen Worten. Als er ging, erlaubte sich natuerlich kein Kind, - ganz im Gegensatz zu ihren Gewohnheiten, wenn Besucher im Heim sind - den Bischof auszufragen oder gar zu beruehren. Ausser: Kader, unser kleiner Junge, der unter Epilepsie leidet und deswegen ein wenig zurueckgeblieben scheint. Als der Bischof seine Rede hielt, schien es fuer Kader auch nicht unhoeflich, wilde Worte wie "Mama" oder "Papa" durch den Raum zu rufen. Deswegen war es nun ein Leichtes fuer den kleinen Jungen, den hochangesehnen Bischof, der schon seit Jahren an der Grand-Bassamer Kirchenspitze steht, an der Huefte zu umarmen, festzudruecken und laut "Papa, Papa" zu sagen. Der Bischof nahm es dem kleinen Jungen nicht boese, auch wenn sich in den ersten Sekunden seine Augen vor Schreck der ueberraschenden Tat weiteten. Doch dann nahm er den Kleinen auf den Arm, lachte das erste Mal in unseren Raeumen und wir konnten von den beiden, dem Bischof mit dem kleinen strahlenden Jungen auf dem Arm, Fotos machen.

Abends hatte ich Glueck. Wir, die Salesianer und ich, hatten schon zu Mittag mit dem Bischof gegessen. Er sollte nun die Nacht bei uns, im Provinzhaus der Kongregation, bleiben. Somit ass er auch zu Abend mit uns. Leider mussten wir aber wieder mal lange auf ihn warten. Die Fragestunde in der Kirche zog sich von 18 Uhr Beginn bis 21.45 Uhr Ende in die Laenge. Somit, man wartet schliesslich mit dem Essen auf den Bischof, konnten wir unser Abendbrot erst tief in der Nacht zu uns nehmen. Wo war nun mein Glueck? Somit konnte ich das komplette Champions-League-Finale schauen, ohne durch ein stoerendes Abendessen unterbrochen zu werden.

 

Das ivorische Denken: Wundermedizin laesst Gewehrkugeln abprallen

 Abidjan-Koumassi, 10. Mai 2008 

Man stelle sich vor, jemand wuerde erschossen werden und demjenigen wuerde es ueberhaupt nichts ausmachen. Im Gegenteil: Die Kugel wuerde abprallen und er wuerde weiter auf dich zuschreiten.

Nein, ich bin nicht verrueckt geworden, ich habe nicht zuviele Arnold-Schwarzenegger-Filme gesehen. Doch angeblich solle sich dieser Vorfall mehrmals waehrend der politischen Krise abgespielt haben. Und die Leute, die mir das erzaehlt haben, sind Animateure, Freunde, unsere Kinder und selbst ein salesianischer Bruder. Und die kennen sich auch nicht alle untereinander, aber erzaehlen alle das Gleiche. Denn fuer sie alle, wirklich alle Ivorer im Land - Zeitungen und das Fernsehen eingeschlossen - ist klar: Mystische Kreise beherrschen unser Land.

Waehrend naemlich die Rebellen noch vor ein paar Jahren gegen das ivorische Militaer und die Franzosen gekaempft haben, sollen diese Rebellen Medikamente eingenommen haben, dass es unmoeglich fuer sie war, dass eine Kugel in ihren Koerper eindringen koennte. Als mir das erzaehlt wurde, habe ich erst gedacht, man will mir Luegengeschichten auftischen. Aber nein, die glauben das wirklich! Die Kinder in unserem Heim und Thomas, ein Animateur, koennen gar nicht verstehen, dass ich an sowas nicht glaube. "Markus, ja das gibt es!" Eine Frage: Wieso haben dann die Rebellen verloren, wenn sie denn solchen einen Art Zaubertrank in Tablettenform besessen haben?

Selbst in den Zeitungen steht, dass der ivorische Regierungschef Guillaume Soro zur Hochzeit der Krise in seinem Flugzeug nicht erschossen werden konnte, weil er in der brenzligen Lage ein Medikament nahm und sich aus dem Flugzeug in den Norden des Landes transformierte. Abgehauen per Beamen also, wie in Raumschiff Enterprise. Also ehrlich, wenn ich so etwas in einer halbserioesen - serioese Zeitugnen gibt es hier nicht - lese, da denke ich mir manchmal, wer denn nun verrueckt sei. Ich oder die?

Selbst der salesianische Bruder Wilfried meinte, dass man in seiner Heimat Benin ein bestimmtes Blatt einer Pflanze auf die Strasse legen kann und es von der einen auf die anderen Minute anfaengt, zu regnen. Na ja, dieses Geschichtchen ist vielleicht noch halbwegs glaubwuerdig.

Ich versuche, vor allem unsere Kinder zu beschwichtigen, dass diese ganzen Mystikgeschichten reinster Spuk sind. Die triomphale Anekdote mit dem weggebeamten Ministerpraesidenten kann ich mir nur durch die politiknahen Presse erklaeren. Sie nutzen das naive  Denken der breiten Masse aus, um durch diese unglaubwuerdige Geschichten ihren Regierungschef zu glorifizieren. Doch wenn ich so etwas unseren Kindern erklaeren, stosse ich nur auf taube Ohren. "Nein, Markus, glaub doch, es gibt selbst Afrikaner die mit einem Besen nach Europa geflogen sind, um ohne Visum einzureisen." Gut, als ich das dann hoerte, musste ich erst einmal laut lachen. Ich antwortete, dass es so ein Maedchen auch in Deutschland gaebe. Sie heisse Bibi Blocksberg.

Die Menschen denken hier einfach nicht so nuechtern, wie wir in Europa. Sie glauben, auch wenn sie jeden Sonntag zur Kirche gehen, noch immer an etwas Uebernatuerliches, an Medikamente, die Schusskugeln abprallen lassen, an Leute, die sich in Tiere verwandeln, an Fluessigkeiten die machen, dass du nie reich wirst oder, im Gegenteil, ploetzlich reich wirst.

Eins weiss ich wohl, was hier stimmt: Es gibt wirklich Leute, die leben aber eher im Dorf, die gerne Menschen essen. Selbst die Freunde, die mit diesen Kannibalen zusammenleben, wissen wirklich nicht, dass ihre Kumpel diese inhumane Neigung in Richtung Lust auf Menschenfleisch besitzen. Doch es soll nur noch wenige geben, die Globalisierung, die Zivilisation hat sie bekehrt.

Schon manchmal komisch hier. Aber unheimlich interessant. Zwei Monate bleiben. Wieso verfliegt die Zeit denn nur so? Ob ein mysterioeses Medikament sie anhalten kann?

Gruss aus Abidjan,

Venco

Deutschtreffen und Nilpferdtour

 Koumassi, den 21. April 2008

Teil zwei also: 

Dann endlich durfte ich in einem wohlweichen Bett im Hotel Tantie You-you liegen. Vorher mussten wir mit der alten, ewig meckernden Dame, die uns das karge schaebige Zimmer zur Verfuegung gestellt hatte, luegend klar machen, dass wir nicht die weiteren vorgesehenen sechs Tage bei ihr bleiben koennten. Wir sagten ihr einfach: "Ach, leider muessen wir schon weiter zur unserer 'Arbeit' nach San Pedro. Wir koennen deswegen leider nicht laenger bleiben." Gekonnt geluegt, wir verabschiedeten uns, gaben vor, dass wir nun abfuhren und damit war fuer uns die Geschichte erledigt. Leider fand uns die halbe Familie der alten Dame ein paar Tage spaeter noch immer in Sassandra weilend vor dem Supermarkt. Faellt halt auf, wenn man so als einziger Weisser durch den nicht allzu grossen Ort laeuft. Also mussten wir noch einmal in die Luegetasche greifen und vorgeben, dass wir schon laengst zurueck seien von unserer "Arbeit" und uns unser imaginaerer Arbeitgeber nun das Zimmer im Tantie You-you bezahlt haette. Ich glaube, sie haben uns die Geschichte abgenommen.

Sassandra ist wirklich wunderschoen mit seinen sanften, palmenbewachsenden Huegeln, die bis in den panschenden Ozean hereinreichen. Viele Straende um Sassandra haben wirklich Robinson-Crusoe-Flair, wo keine Menschenseele ist und du allein mit der palmenreichen Landschaft schwimmen gehen kannst. Die Leute fischen noch traditionnell mit alten Holzpirocken, die sie zum Teil mit Figuren und Schriftzeichen am meernahen Fischmarkt verzieren. Touristen, vorallem weisse, gibt es aber kaum bis gar nicht. Die sind nach den Vorfaellen 2004 gefluechtet. Zur Zeiten der politischen Krise und der antifranzoesischen Stimmung haben die jungen Leute des Ortes einige franzoesische Hotels und Villen abgebrannt. Einige verfallene Haeuser kann man noch besichtigen, manche sind vom Erdboden verschwunden, alle aegern sich. Die Leute in den Restaurants, die Verkaeufer auf der Strasse, auf dem Fischmarkt fehlt das Geld. Kein Weisser gleich kein Einkommen, kein Verkauf, kein gutes Leben. Alle wuensche sich die weissen wohlhabenen Touristen zurueck.

Einen "Weissen" habe ich dann doch getroffen. Er sass vor seinem zum Karavan umgebauten Forst-LKW am weitlaufigen, menschleeren Strand Sassandras. Kurzes, erst auf franzoesisch gehaltenes, Gespraech und es stellte sich heraus: "Du bist ja deutsch!" Ein Bayer, Mathias sein Name, der schon auf diese Weise nahezu die ganze Welt bereist hat. Ein paar Jahre in Deutschland arbeiten, dann mit dem LKW eine einjaehrige Abenteuer-Tour unternehmen und ein paar Grundstuecke kaufen, umso als Touristenhaeuser profitabel zu verwalten. Er war schon im Iran, Afghanistan, Indien, Pakistan, Ostafrika und nun besucht er Westafrika. Am Tegernsee in der bayrischen Bergidyille gestartet, ueber Frankreich, Spanien, Mauretanien, Nigeria, nun in die Elfenbeinkueste gekommen. Interessanter Lebenstyle, er konnte Unmengen aufregender Geschichten erzaehlen.

Immerhin tat es mal wieder richtig gut, sich mit jemand auf Deutsch auszuquatschen. Mit ihm abends am mondbeschienen Strand bei einem Bier ueber dies und das zu plaudern, ohne zusaetzlich ueber die richtige franzoesische Satzstellung zu denken.

Am vorletzten Tag machten wir dann mit Mathias eine Tour durch das nahe Flussgewirr im noch urspuenglichen Regenwald. Kundige Kanufuehrer aus einem kleinen Dorf schipperten uns durch das naturbelassene Gruen mit seinen majaestetischen Baeumen, die wuchernden Pflanzen, die hier alle viel groesser erscheinen als in Deutschland und seiner herrlichen ruhenden Flusslandschaft des Stromes Sassandra. Unser Ziel? Der Ruheplatz der Nilpferde inmitten dieser unberuehrten Tropenlandschaft.

Angekommen schlugen die Doerfler mit ihren Pandeln auf das Kanu, dass doch die im Wasser ruhenden Nilpferde aufgeschreckt werden und sich in ihrer Gelassenheit erbarmen, mal mit ihren Koepfen aus dem Wasser zu luken, um zu sehen, wer sie denn da stoere. Vier-, fuenfmal schauten sie dann auch unter einem lauten Roehren - als wuerde ein riesiger Hirsch dort im Wasser sitzen - zu uns herueber. So richtig stoeren lassen wollten sich die Riesentiere aber an diesem Morgen nicht, zum Fotosmachen, waren sie immer wieder zu schnell im Gewaesser verschwunden. Was bleibt, ist das, was ich mit meinem eigenen Auge gesehen habe.

Froh bin ich auch, dass wir mit den beiden Kanus nicht baden gegangen sind. Immer wieder lief in die beiden kleinen Holzboote schlammiges Flusswasser. Untergehen wollte ich nicht, wurde doch am Anfang gesagt: "Bitte nicht die Hand ins Wasser halten, hier gibt es einen Fisch, der dann den Finger abbeisst." Hmmm....

Gruss aus Abidjan (wo ich nun wieder mit allen zehn Fingern bin),

Venco


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