Das war's! (Vorerst)

Münster, den 15. Juli 2008 

Bin wieder da. Und mein erster Eindruck von unserem schönen Land: Mein Gott, ist es kalt in Deutschland! Spricht der Kalender nicht gerade von Sommer? In der Elfenbeinküste würde man dieses Wetter noch nicht mal zum ivorischen Winter deklarieren. Viel zu kalt, viel zu kalt.

Ich bin gerade in Münster und sehe, wie langhaarige Studenten mit Flip-Flops, kurzer Hose und T-Shirts durch die Gegend fahren oder eine ganze junge Horde den Kanal bevölkert, um sich "abzukühlen". Und ich selber hole mir fast eine Erkältung und möchte fast bei heutigen 21 Grad einen Pullover überziehen. Aber ich werde mich an das nordische Eis-Klima gewöhnen. Ich habe mich in Abidjan ja auch an alles gewöhnt.

Eine Dusche, die mich nicht duschen möchte; viel Staub in der Luft; Gebetsrufer von den Moscheen, die keine Nacht kennen; explosionslaute Gewitter; wichtige Dokumente fressende Kakerlaken und und und

Man gewöhnt sich doch an alles. Ist daher nun schön, mal wieder eine richtige Dusche - da kommt so viel Wasser heraus! - zu nehmen, in einem warmen Bett zu schlafen und auf Teppichboden zu laufen.

Doch im Rückblick bereue ich nichts. Gut, vielleicht, dass ich nicht in manches Taxi in Abidjan hätte steigen sollen. Einige Fahrer verdienten wohl ihr Nebenbrot als Stuntman. Es wird recht leise im wackelnden, beinahe auseinanderzubrechenden Taxi, wenn der Fahrer beim Überholen den 20-Tonner auf der Rechtsspur übersieht. Der 20-Tonner hatte aber auch gut Bremse, muss man hinzufügen

Abidjan mit ihren abgasumhüllten, fünfspurigen Großstraßen, den vielen Müll auf der Straße, den permanent hupenden Taxifahrern, die der Stadt ihren Sound geben, diese riesige, immer menschenvolle Stadt wird mir fehlen. Sie fehlte mir schon als ich am dortigen Flughafen saß. Und viel mir fehlt mir meine "Arbeit". Die Kinder!

Doch war ich auch traurig auf dem Rückflug, dass ich wieder zurück komme, so bin ich doch nun sehr, sehr froh, heimgekehrt zu sein. In dem Moment als ich meine Familie sah, meine Freunde am Oelder Bahnhof standen, schlug die Stimmung um: Ich bin froh, wieder hier zu sein, in Lette diesem Dorf, dass das komplette Gegenteil von der Millionenmetropole Abidjan ist:

Klein, still, grün und ordentlich.

Und wie still!!!

Ich werde aber mein Abidjan, meine Kinder nie vergessen. Ich hoffe, sie mich auch nicht.

Danke für das Lesen! Danke für das Interesse!

Der Rückflug böte nun auch viele Gelegenheit, in diesem Fenster die Anekdote mit dem verspäteten Libanesen auf dem Dubaier Flughafen oder das unterhaltsame Gespräch mit meiner Sitznachbarin, der Chinesin niederzuschreiben. Doch ich habe keine Lust, das erzähle ich lieber selbst.

Wer dann nicht zuhört, hat's verpasst. Er kann hier nämlich nichts nachlesen.

Viel Spaß noch im Leben! Seid sicher, ich werd's haben....

Letzter Gruß,

Markus

Schon nach Hause?

Abidjan-Koumassi, den 10. Juli 2008

Nun geht es zurueck. Es ist gerade Donnerstagmorgen, Fruehstueck sitzt in meinem Magen, Reisetasche ist gepackt, Weizenbier fuer die Salesianer ist eingekauft und kuehlt sich versteckt im Kuehlschrank im Kinderheim.

Samstag soll ich dann nun wieder in Deutschland sein. Ein bisschen verwirrend ist es noch fuer mich. Ich weiss nicht, ob ich froh sein soll, dass ich nun alle wiedersehe und heimkehre. Oder ob ich eher traurig sein soll, weil das kleine Abenteuer nun vorbei ist. Die Kinder, die Patres, die neugewonnenen Freunde werde ich erst einmal nicht mehr wiedersehen. Gerade der Kinder wegen ist mir nicht zum Feiern zu Mute. Sie werden mir fehlen. Und die Jungs selbst sind nun schon traurig, dass ich morgen ins Flugzeug steige und fort bin.

Das Leben geht weiter. Vielleicht, sicherlich erst in ein paar Jahren, werde ich zurueckkehren.

Ab September wird dann Benedikt, ein weiterer deutscher Volontaer, mein Zimmer und die selbe "Arbeit" uebernehmen, die ich nun zehn Monate verrichtet habe.

Von den Freunden habe ich mich nun schon verabschiedet. Es bleiben die Salesianer und die Jungs natuerlich. Fuer die Salesianer gibt es dann heute Abend zum Abschied Weizenbier. Ich habe die Glaeser mit verschiedenen Embleme bei ebay gekauft und von zu Hause schicken lassen. Gott sei Dank, ist das zerbrechliche Gut heile in Abidjan angekommen. Gut, nicht ganz. Ein Erdinger-Pokal hat es nicht geschafft und kam nur noch in zwei Haelften an. Das Bier gab es nur, im einzigen deutschen Restaurant von Abidjan zu kaufen. War ein wenig teuer, aber die Salesianer habe mich das ganze Jahr verkoestigt und umsorgt. Da sollte man nicht "knippig" sein.

Die Glaeser werden natuerlich als Geschenk hier bleiben. Vielleicht kommen die Patres ja auf den Geschmack.

Morgen geht es dann los. Die Heimkehr. Ich will es nicht glauben, aber alles ist schon vorbei.

Die bayrische Enklave Abidjans oder der erste Abschied

Abidjan-Koumassi, 04. Juli 2008

Gestern habe ich mich von Martial verabschiedet. Jedenfalls erst einmal offiziell. Ich hatte ihn in ein deutsches Restaurant - das Einzige in Abidjan - eingeladen. Natuerlich erfuellt dieses Restaurant alle denkbaren Stereotypen ueber Deutschland. Der Inhaber ist ein Bayer und daher hat er sein Eigentum natuerlich in weiss-blau eingerichtet und liess durch seine Boxe zuenftige Blassmusik droehnen. Immerhin konnte ich somit einmal wieder ein Weissbier trinken oder wie die Franzosen sagen: "bière blanche allemande".

Der Restaurantbesitzer, ein sehr netter Mann und Freund des Botschaftes, erzaehlte mir, dass die deutsche Gemeinschaft in der Côte d'Ivoire nicht mehr allzu gross ist. Mit mir ist es eine gemuetliche Runde von 45 Personen. Vor der politischen Krise 2002 waren es noch rund 2.000. Sie arbeiteten bei Siemens, Bosch, Hertz und vielen anderen deutschen Unternehmen. Doch als die politische Situation eskalierte, die aggressive Stimmung gegen die weissen Bewohner ihren Hoehepunkt erreichte, waren die meisten schon geflohen. Nur wenige sind geblieben, die grossen deutschen Unternehmen habe ihre Filialen aufgegeben.

Nun mit dem ersten Abschiedsessen, Abschiedsgeschenken und sonstigen Vorbereitungen fuer die baldige Heimkehr wird mir, auch wenn es noch immer nicht so recht in meinem Kopf passen moechte, klar, dass ich bald nicht mehr in Abidjan leben werden. Schon am Dienstag habe ich mich von Père Albert verabschieden muessen, er ist in sein Heimatland, dem Kongo, zum Ausspannen geflogen. Aber im August wird auch er defintiv Abidjan verlassen, er beginnt ein weiterfuehrendes Studium an der salesianischen Universitaet UPS in Rom.

Eine knappe Woche bleibt mir noch. Schon jetzt ist sie mit Terminen voll bepackt. Ich versuche dennoch, die letzten Tage zu geniessen. Besonders das Zusammensein mit den Jungs.

Spott und Haeme fuer mich und die Elf

Abidjan-Koumassi, den 30. Juni 2008

Gestern war ein trister Tag. Schon als ich aufstand zogen die grauen Wolken tief ueber Abidjan, es regnete den ganzen Tag. Passend zum miesen Wetter gesellte sich am Abend das Ergebnis des Finalspieles aus Wien hinzu. 1:0, von der deutschen Elf spielerisch kaum Aktionen zu sehen.

Die hiesigen Zeitungen, das nationale Fernsehen gehen noch liebevoll mit der deutschen Mannschaft um. Sie konzentrieren sich eher auf die spanische Staerke, diese fussballerische Uebermacht von gestern Abend. Unsere Elf wird nur als muede, ideenlos, ja geschlagen bezeichnet.

Doch die Haeme kommt aus einer ganz anderen Richtung. Und nun stelle ich mir die Frage: Warum muss ich denn nur mit spanischen Patres in Abidjan zusammenleben?

Die Haeme musste ich schon gestern, nach Spielschluss, ueber mich ergehen lassen. Aber ehrlich gesagt, nehmen wir es wie ein Spiel. Vor dem Finale meinte jeder, er koenne gewinnen (ausser Juan-Carlos mit seinem "hinterlistigen" Pessismus, den er schon zuvor gegen die Italiener und Russen erfolgreich angewandt hatte: "Wir koennen nie und nimmer gegen die Deutschen gewinnen". Nun ist es klar, dass die Spanier in ihrer Siegesfreude ueber meine Elf herziehen.

Bereits heute Mittag wurde mir der Bericht aus der Zeitung am Tisch laut vorgelesen, Pater Jesus wiederholte die kritischen Stellen ueber die deutsche Mannschaft - "ideenlos", "physisch wie moralisch in die letzten 30. Minuten besiegt", "stellenweise ueberfordert". Da muss ich nun durch. Ich haette doch das Gleiche getan, haette unsere Nationalmannschaft in der gestrige Weise der Spanier gewonnen. Haette, waere, koennte...

Die spanischen Patres feiern mit ihren Champions, ich leide mit den Finalverlierern. Doch bei aller Haeme wissen wir, dass es nicht ganz ernst gemeint ist.

Das private EM-Duell: Ich gegen die spanische Mehrheit

 Abidjan-Koumassi, 29. Juni 2008

Der Haussegen haengt nicht schief. Wir nehmen es amuesant. Trotzdem steht einiges auf dem Spiel. Wer wird heute Abend Recht behalten duerfen?

Ich, der vehement Deutschland vertritt und heute nach Abpfiff sehen moechte, wie Ballack - ob verletzt oder kerngesund - den EURO-Pokal in die Hoehe stemmt. Oder - ich hoffe, Gott erspart es mir - sollten sich doch die spanischen Salesianer nach Spielende erfreuen duerfen und ihren Finalsieg gegen die deutsche Elf und letztlich meinerseits feieren duerfen.

Welche eine Blamage fuer mich? Ich hoffe, sie bleibt mir erspart.

Juan-Carlos, der spanische Direktor unseres Hauses, meint, Spanien werde verlieren. Doch sein Pessimismus birgt Fatales. Die gleichen Aeusserungen gab er ebenso von sich, als Spanien gegen Italien und Russland spielte. Bekanntlich hatte unser Direktor stets Unrecht. Heute Abend auch?

Ich hoffe, dieses eine Mal tippt er richtig....

Fussballabend à la Africana

Abidjan-Koumassi, den 26. Juni 2008 

Gestern, Halbfinale, Deutschland spielt. Das darf ich mir natuerlich nicht entgehen lassen - auch wenn zurzeit in Afrika weile. Jedoch ist es einfach gesagt, als getan.

Denn weder im Kinderheim noch im Haus der Salesianer haben wir den franzoesischen Bezahlsender "canal", der sich fuer die Côte d'Ivoire die Rechte gesichert hatte. Bisher aber kein Problem, ich besuchte immer einen Freund, der sich unerlaubt an irgendeine Uebertragungsschuessel gehaengt hat und ohne Kosten das Programm von "canal" geniesst - inklusive laufender Europameisterschaft.

Nun war ich gestern Abend auch wieder bei ihm. Alles schien bestens zu laufen. Aber er erzaehlte mir, dass es am Morgen noch duester auf dem Fernsehbildschirm ausgesehen habe. Der Besitzer der gekaperten Schuessel hatte wohl ein bisschen an seinem Eigentum geschraubt. Seitdem gab es Probleme mit der Uebertragung. "Heute Morgen war der Sender verschwunden", sagte mein Freund zu mir, um mich gleichzeitig zu beruhigen, "Aber seit einer Stunde laeuft es einwandfrei. Ich glaube, das passiert nicht noch einmal."

Zehn Minuten waren vergangen, dass er dies gesagt hatte und schwupps - der Fernseher wechselte um zum Programm der schwarzen Ameisen auf weissem Grund. Das heisst: Der an diesem Abend zu wichtige Sender "canal" war verschwunden. Und kam nicht mehr wieder. Nicht nach zehn Minuten, nicht nach zwanzig Minuten und auch nicht fuenf Minuetchen vor Spielbeginn.

Panik!

Was machen? Mein Freund rief einen alten Schulkollegen an. "Bis du zu Hause?" Die Antwort: "Nein, ich arbeite noch." Ah, noch mehr Panik! "Ist es dringend?", so die Nachfrage des Freundes meines Freundes. Zum Glueck hat er diese Frage gestellt, so konnte mein Fussballgenosse seinem Bekannten das Problem erklaeren und dieser sagt uns zu, dass wir gerne vorbeikommen koennten. Seine Frau waere daheim.

Puh, Glueck gehabt!

Nun schnell ein Taxi. Aber was ist das? Alle Taxen voll besetzt. Rushhour, es ist 18 Uhr (Bevor dumme Frage aufkommen, bedenkt die Zeitverschiebung!), jedermann moechte nach Hause. Also schauten wir vollbesetzten Taxen nach, warteten, warteten, warteten, bis endlich, nach etwa zehn Minuten ein leeres Gefaehrt vor unsrer Nase anhielt.

Der Taxifahrer selber hoerte auch das Fussballspiel, das natuerlich schon laengst begonnen hatte. "Tuerkei im Vorwaertsgang", so die beiden plappernen Franzosen am Mikrofon, "Oh, la, la, knapp am deutschen Tor vorbei." Gemeinsames Durchatmen im Taxi.

Leider hielt das Durchatmen nicht lange an. Ich hatte gesagt Ruschhour. Was gehoert dazu? Stau, zaehfliessender Verkehr. Vor allem an den Kreuzungen versuchten Hilfspolizisten die von allen Seiten draengenden Autos aufzuhalten. Es dauerte wieder mal, wir kamen kaum unserem Ziel naeher und im Radio musste ich mitanhoeren, wie die Tuerkei das Spiel in die Hand nahm.

Da daemmerte mir ein Gedanken: Ein Spiel unserer Jungs hatte ich wegen der Malaria-Krankheit bei der EURO nicht gesehen. Die Begegnung gegen Kroatien und was kam dabei heraus. Unsere Elf hatte verloren. Sollte ich heute verhindert sein, das Halbfinale zu schauen, so brummte es in meinem Kopf, wuerde Deutschland dann verlieren? Nein, das wollte ich nicht, ich musste zum Fernseher.

Nach einer Viertel Stunde fuer ein, zwei Kilometer, waren wir endlich da. Wir traten in das Haus ein, gruessten nett und bewegten uns zum Fernseher. Wir schalteten an und: "Toooor, Tor fuer die Tuerkei. Das anatolische Wunder geht weiter", die franzoesischen Kommentatoren begeisterten sich gerade, dass ihr grosser Nachbar im Inbegriff war, zu verlieren. Na, toller Anfang. Aber nun bin ich ja da, so kann unsere Elf nur gewinnen.

Der Spielverlauf ist bekannt, leider konnte ich das wichtige Ende samt den beiden letzten Toren nicht mehr mitverfolgen. Mal wieder Uebertragungsprobleme in den letzten Minuten. Doch diesmal nicht wegen der haeuslichen Schuessel. Nun war es der hoch geschaetzte Sender "canal" selbst, der uns auf blauen Grund in grosse Lettern praesentierte: "Entschuldigen Sie diese kleine Bildstoerung. Gleich geht es weiter mit dem Spiel Deutschland - Tuerkei."

Das stimmte nicht ganz. Ich sah nur noch die deutsche Freude und Ausgelassenheit auf der Tribuene - einige Minuten nach dem Abpfiff.

Ansonsten war es ein schoener Fussballabend.


Werbung